Mittwoch, 15.10.2014

Wenn einfachste Aufgaben unlösbar werden

Thementag im Elisabeth-Tombrock-Haus: Demenz-Parcours gab Einblick in Gefühls- und Gedankenwelt von Betroffenen

Ahlen. „Ist doch gar nicht schwer“, so stand er dick über der ersten Station des Demenz-Parcours im Elisabeth-Tombrock-Haus. Das Seniorenheim bot am Dienstag im Rahmen eines „Thementages Demenz“ diesen Parcours an, um seinen Mitarbeitern und den Angehörigen von Demenzkranken einen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt der Betroffenen zu geben.

An zwölf Stationen waren Aufgaben zu bewältigen, die es in sich hatten. Damit geht’s los: In einem Holzkasten gilt es, die Linien eines Sterns nachzuziehen. Allerdings ist die Sicht darauf nur durch einen Spiegel möglich. Plötzlich wird die Augen-Hand-Koordination aufs Gründlichste im Wortsinn auf dem Kopf gestellt. Knifflig auch die nächste Aufgabe: wiederum praktisch „blind“ einen Schnürsenkel in einen Turnschuh fädeln. „Dabei hilft der Tastsinn, der geht aber den Betroffenen oft ab“, weiß Anita Wösthoff. Die kommissarische Leiterin der Sozialen Dienstes betont: „Das ist kein Test, die Aufgaben sind nur dazu gedacht, der Erleben eines Betroffenen nachzuvollziehen.“

Das gelingt sehr plastisch. So ist ein Koffer zu packen. Zunächst muss sich der Proband Bildkarten mit den einzupackenden Dingen ansehen. Das Bild zeigt etwa einen Spiegel. Auf der Rückseite steht jedoch das Wort Computer. Später wird das Wort vorgelesen und das richtige Objekt, hier der Spiegel, soll eingepackt werden. Um das Ganze noch zu verschärfen, bekommt der Proband noch eine Brille auf, die das Sehvermögen beeinträchtigt. Dazu läuft eine Stoppuhr, es geht auch um Zeit. „Es zeigt, wie es sich für den Demenzkranken anfühlt, wenn er die Aufgabe ‚Hol mal den Schirm’ nicht lösen kann“, erklärt Jutta Mertens, Mitarbeiterin im Sozialen Dienst. Denn oft weiß der Betroffene nicht mehr, was eigentlich der Schirm ist. Damit wird eine Wut erzeugt, die auch den Betroffenen befällt, wenn simpelste Dinge plötzlich nicht mehr möglich sind.

„Durch diesen Parcours erleben wir die Welt und auch den Ärger der Menschen und können die Reaktionen besser nachvollziehen“, hat Simon Große-Drenkpohl, festgestellt, der im ETH sein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert. „Wir betreuen hier mittlerweile an die 80 von Demenz betroffene Menschen. da fördert so ein Erleben sicher das Verständnis beim Team und den Angehörigen“, ist sich Anne Troester, Leiterin der Einrichtung, sicher.

Abends kam die Entwicklerin des Parcours, Monika Wilhelmi, ins Haus. Sie las aus dem Roman „Wie ein Fisch ohne Wasser“. Dabei wird eine Kriminalgeschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt. „Damit vermittelten wir ein spannendes und kurzweiliges Gedächtnistraining“, fasste Jutta Mertens zusammen.

Ahlener Zeitung, 15.10.2014